Kaffeebecher: Öko-Lüge oder sinnvoll?

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Sind Mehrweg-Becher immer sinnvoll?

Einwegbecher für den „Kaffee to go“ stehen seit langem in der Diskussion – obwohl sie noch nicht einmal ein Gramm pro Kilogramm anfallenden Hausmülls ausmachen. Nun befürchtet die Bäcker-Branche, dass an ihre Stelle bald verpflichtende Mehrwegsysteme treten sollen. Eine Neuerung wurde bereits auf den Weg gebracht: Ab 3. Juli müssen alle kunststoffhaltigen Becher, die erstmals in Verkehr gebracht werden, gekennzeichnet werden.

Eine 2019 veröffentlichte Untersuchung des Umweltbundesamts hält unter anderem fest, dass der Abtausch von Einwegbechern durch Mehrweglösungen in der Regel mit positiver Umweltverträglichkeit verbunden sei. Diese sei gegeben, wenn die Anzahl der Benutzung bei mehr als zehn, besser noch 25 liege, wenn die Mehrwegsysteme nicht mit Einwegkomponenten wie etwa Deckeln ausgestattet seien und wenn der Spülvorgang mit zertifiziertem Grünstrom erfolge. Entscheidend ist aber ebenso, ob die ökologische Bilanz eines Mehrwegproduktes überhaupt vollständig erfasst werden kann – also angefangen von der Rohstoffgewinnung, über die Herstellung, Logistikprozesse und die Nutzungsphase bis hin zur Entsorgung des Bechers.

Lebenszyklus
Die „Zeit für Brot“ fragt bei dem Mehrwegbecher-System-anbieter „FairCup“ nach, dessen recyclebares Produkt an ein Pfandsystem geknüpft ist. Nein, den exakten Wert eines solchen „Lebenszyklus‘“ könne man nicht nennen, teilt eine Mitarbeiterin mit. Es ließen sich immer nur Teilbilanzen ermitteln.
Die Spülung des aus Kunststoff hergestellten Bechers sollte mit mindestens 65 Grad und eine Dampftrocknung mit 80 Grad Celsius erfolgen. Eine Spülmaschine ist also durchaus erforderlich. Doch wie viele der Geräte werden mit echtem Grünstrom betrieben?

„FairCup“ bietet eine Spüllogistik als Dienstleistung an. Diese sei jedoch nicht überall vorhanden, nur in einigen Regionen gebe es hierfür Systempartner, steht auf der Webseite. Dort heißt es zudem, dass die Becher mittels einer speziellen Spülstraße, die nur 200 Liter Wasser verbrauche, gereinigt werden. „Der nötige Strom soll laut Lieferant Ökostrom sein“, liest man dazu. Soll? Erneute Nachfrage: Am Standort in Göttingen, sagt die Mitarbeiterin, werde die Spülstraße mit selbst erzeugter Solarenergie betrieben. In anderen Städten habe man nicht die Handhabe dazu.

Transportweg
Ist der Becher nach einer gewissen Anzahl an Benutzung nicht mehr verwendbar, wird das Gefäß in Frankreich oder den Niederlanden zu Granulat verarbeitet. In Deutschland wird dieses dann wiederum für die Herstellung neuer „FairCups“ eingesetzt. Dies ist jedoch mit langen Transportwegen verbunden und relativiert die positive Ökobilanz. Tatsächlich sei es leider gar nicht anders möglich, erklärt das Unternehmen: Eine Verordnung verlange, dass das Material im Ausland recycelt werde. Man bemühe sich aber um eine Sondergenehmigung.

Ökobilanz
Es gibt bei der Ökobilanz mancher Mehrwegbecher also durchaus Unwägbarkeiten. Sicher sind allerdings die zusätzlichen Kosten, die auf Betriebe wie die Bäckerei Huth durch eine Mehrweg-Nutzung zukommen würden. Dominique Huth hat einmal ausgerechnet, was Faktoren wie der Anschaffungspreis einer Spülmaschine, Reinigungs-, Spül- und Wartungs- kosten, ein Wasserfilter und andere Aspekte beim Kaffee ausmachen. Die Verwendung eines Mehrweggefäßes erfordert demnach laut Huths Rechnung zusätzlich bis zu 5,30 Euro pro Jahr und Becher – durch Systemgebühren und weitere Faktoren. Und da sind dann noch nicht einmal Wartungskosten und andere Ausgaben mit einbezogen. Somit wäre das Angebot eines „Coffee to go“ für den echten Bäcker letztlich wohl gar nicht mehr zu finanzieren – oder müsste für den Verbraucher entsprechend um ein Vielfaches teurer werden.

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