Oksana Enders startete zweimal neu – in einer neuen Heimat und im Beruf

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Seit der Eröffnung des Dippsche ist sie hier Teil des Teams.

Nein, einen solchen Schritt, eine solche Veränderung des kompletten Lebens würde sie ihren eigenen Kindern niemals zumuten wollen, schüttelt Oksana Enders den Kopf. Sie erinnert sich noch gut daran, wie herausfordernd die ersten zwei Jahre waren, als sie selbst als Siebenjährige aus Kasachstan nach Deutschland kam: Ein anderes Land, nie zuvor gesehene Menschen, neue Mitschüler, eine völlig fremde Sprache, ein Alphabet mit unbekannten Buchstaben. „Ich habe die Menschen nicht verstanden, die mit mir redeten, wusste nicht, was sie von mir wollten“, blickt sie auf diesen Teil ihrer Kindheit zurück. Doch inzwischen möchte sie ihr aktuelles Leben nicht mehr eintauschen – zu dem ihr Engagement beim echten Bäcker gehört.

Es gab nicht nur diesen einen einschneidenden Wechsel in Oksana Enders Biografie, wenngleich die Tragweite selbstredend unterschiedlich groß war. In Kasachstan geboren, verbrachte sie ihre ersten sieben Lebensjahre in einer sehr ländlich geprägten Gegend des zentralasiatischen Landes. Mehr als siebenmal so groß als Deutschland, etwa ein Drittel der Fläche besteht aus Steppe; noch häufiger gibt es in Kasachstan Wüsten und Halbwüsten. Der Staat hat unter anderem Grenzen zu Nationen wie Turkmenistan, China, ebenso zur Russischen Föderation.

Russisch war auch die Sprache Oksana Enders, ehe sie in Bad Ems im Rhein-Lahn-Kreis die Schule besuchte, dort Sprachkurse absolvierte und eine Ausbildung zur zahnmedizinischen Fachangestellten erfolgreich beendete. Sie arbeitete in einer Zahnarztpraxis, als sie mit ihrem Mann ihr erstes Kind, ihren heute 17-jährigen Sohn, erwartete. Dessen Vater stammte aus Diez: „So hat es sich ergeben, dass ich hierher kam“, schildert Oksana Enders.

In Arztpraxen seien die für Kindererziehung geeigneten Arbeitszeiten jedoch rar und meist schon vergeben gewesen. Über eine Bekannte wurde sie auf die Limburger Bäckerei Huth aufmerksam: So stieg Oksana Enders im Frühjahr 2006 beim echten Bäcker ein.
Und das bedeutete abermals die Notwendigkeit, sich neu zu orientieren, sich Unbekanntem auszusetzen. „Am Anfang habe ich schon gedacht: ‚Bekomme ich das hin‘?“, erinnert sich die jetzige Huth-Verkäuferin. Doch sie sagt ebenso: „Es hat sofort Spaß gemacht!“ Man müsse einfach „viel zuhören. Klar muss man sich viel aneignen – aber ich habe mir etliches bei Kolleginnen abgeguckt.“ Und Produkteigenschaften, Zutaten- listen lernte sie ergänzend sogar daheim, so dass sie nach Einarbeitungsphasen zum Beispiel im „Café 364“ im Limburger Bahnhof bald im Bäckereifachgeschäft in Elz zu einer beliebten Mitarbeiterin wurde.

Erreichbarkeit
Der Job in Elz war überaus praktisch: Inzwischen lebte Oksana Enders mit Mann und Nachwuchs in der 8.000-Einwohner-Gemeinde, der Arbeitsplatz war zu Fuß erreichbar. Zwar hat die Verkäuferin es heute ein wenig weiter, doch das „Dippsche“ ist ebenfalls nur einen „Katzensprung“ von Elz entfernt, freut sich Oksana Enders. Als das Bäckerei-Café in Limburg-Staffel eröffnet wurde, wechselte sie nämlich dorthin. Hatte die Verkäuferin zunächst 20 Stunden je Woche beim echten Bäcker gearbeitet, reduzierte sie zwischenzeitlich wegen der Kinder (zum mittlerweile 17-jährigen Sohn kam eine heute zwölfjährige Tochter hinzu) auf eine Zwei-Tage-Woche. Im „Dippsche“ hat sie wieder aufgestockt, ist nunmehr 30 Stunden je Woche für die Kunden und Gäste da: „Die Kinder sind jetzt aus dem Gröbsten heraus, die können auch mal auf die Mama verzichten.“

An ihrem Arbeitsplatz schätze sie die große Vielfalt, die Bandbreite der Aufgaben, wie die Bäckerei-Huth-Mitarbeiterin hervorhebt: „Das ‚Dippsche‘ geht schon mehr in Richtung Gastronomie. Wir verkaufen nicht nur hochwertige Backwaren, wir haben ebenso warme Speisen im Angebot. Die Menschen kommen zum Mittagessen zu uns, es geht auch mal um eine Tischreservierung für größere Gruppen. Wir sind vor allem auch ein gemütliches Café – da muss es anders sein als in einer Vorkassenzone im Supermarkt“, beschreibt Oksana Enders ihre Auffassung. „Ich lege darum viel Wert darauf, dass man Zeit für den Kunden hat.“
Um Zeit zu haben, steht die Huth-Mitarbeiterin schon morgens früh um vier Uhr auf, wenn sie das „Dippsche“ um Punkt sieben Uhr öffnet. Dann sei sie gerne bereits vor dem offiziellen Arbeitsbeginn dort, um kurz vor fünf. „Stress morgens mag ich nicht“, lächelt sie. Sie wolle alles in Ruhe und ordentlich vorbereiten können, die Theken liebevoll bestücken, sich um eine ansprechende Dekoration kümmern.

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„Ich lege viel Wert darauf, dass man Zeit für den Kunden hat.“

Schicht
Einige Kunden würden indes trotz größter Bemühungen schwieriger im Umgang, hat Oksana Enders beobachtet. Da habe sich zu früher etwas verändert. Mancher Anspruch sei bei allem Wohlwollen einfach nicht erfüllbar. „Doch viele Kunden sind locker“, freut sie sich, der Job mache Spaß. Und was die Verkäuferin an ihrem Arbeitsplatz ebenfalls schätzt: Ihr Mann arbeitet in einem Schichtsystem. „Hier konnte ich das immer gut organisieren, dass ich meine Arbeit an seine Dienstpläne anpasse. Und die Kollegen gehen im ‚Dippsche‘ ebenfalls super darauf ein!“, so die Wahl-Elzerin.
Daheim isst Familie Enders gerne das „Junggesellen-Brot“. „Und ich mag den Prasselkuchen besonders“, zwinkert Oksana Enders. „Ich finde allgemein: Die Bäckerei Huth produziert sehr, sehr gute Backwaren, ich kann alles guten Gewissens empfehlen, ich stehe voll dahinter!“

Inzwischen hilft der Sohn der gebürtigen Kasachin samstags im „Dippsche“ aus, pflegt Regale und Ähnliches, verdient sich etwas zum Taschengeld hinzu. Sie finde wichtig, unterstreicht die Mutter, dass Kinder lernten, welchen Gegenwert in Arbeitsleistung Geld habe, dass man für sich selbst sorgen müsse. Sich auf „Hartz IV“ zu verlassen, sei keine Option, betont Enders. „Mein Mann und ich leben auch etwas anderes vor!“ Eben, dass man sein Leben selbst in die Hand nehmen müsse. So wie sie, als sie die alte Heimat verließ und seither in Deutschland ihr eigenes Dasein erfolgreich gestaltet.

Moskau
Damals kam sie mit ihrer Familie und einigen Verwandten in die neue Heimat; zehn Personen insgesamt. Zwei Tanten sind weiterhin in Kasachstan, der Stiefvater Oksana Enders‘ lebt in Moskau. Sie schreibe täglich mit dem Angehörigen. Der schlimme Krieg in der Ukraine betreffe ihre Familie zum Glück jedoch nicht.

Apropos Familie: Skifahren ist eine bevorzugte Freizeitbeschäftigung für die zweifache Mutter, wie sie erzählt. „Das haben wir uns als ‚Familiensport‘ ausgesucht, weil wir das zu viert, alle gemeinsam machen können!“ So habe man vor fünf Jahren damit begonnen, auf die Bretter zu steigen. Daneben gehe sie mit ihren Lieben mit Vergnügen wandern, wenn die Zeit dafür da sei neben 30 Wochenstunden im „Dippsche“ und dem eigenen Haushalt. Ebenso sei sie gern mit dem Fahrrad unterwegs, „generell gern in der Natur. Und wenn wir es schaffen, einen schönen Ausflug zu organisieren, dann macht uns das schon glücklich.“
Glücklich im Beruf wie im Privatleben: Es war wohl eine gute Fügung, dass Oksana Enders aus Kasachstan zunächst nach Rheinland-Pfalz und dann nach Hessen kam. Dieses Leben einzutauschen, zurückzugehen? Nein, das können sie sich nicht vorstellen, schüttelt die Mitarbeiterin des echten Bäckers den Kopf.
Text: Uwe Schmalenbach

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