Ein ganzes Jahr ohne Backstube

Ein ganzes Jahr ohne Backstube
Johannes Klee bei der Arbeit.

Wenn Johannes Klee über die USA spricht, leuchten seine Augen. Kein Wunder, durfte der junge Bäcker doch im Rahmen eines von der GIZ, der „Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit“ organisierten Austauschprogramms als Stipendiat gleich ein ganzes Jahr im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ verbringen („Zeit für Brot“ berichtete). Mittlerweile ist der Huth-Mitarbeiter wieder zurück und um zahlreiche Erfahrungen reicher.

Grund zur Freude hatte Johannes gleich doppelt: Kurz vor seinem Trip absolvierte er nämlich noch seine Gesellenprüfung. „Wir haben die Feier danach ein bisschen mit meinem Abschied verbunden“, erinnert er sich.

Training

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„Meine Eltern finden, ich sei durch die Reise unabhängiger und eigenständiger geworden“, erzählt der Ohrener.

Bevor er im August 2016 dann ins ferne Amerika aufbrach, gab es noch ein dreitägiges Vorbereitungsseminar für das Auslandsjahr. Dazu ging es ins thüringische Geisa. Dort wurde ihm beigebracht, worauf er sich in den USA einstellen musste. „Uns wurde da nicht nur gesagt, wie viel Geld wir für den Aufenthalt einplanen mussten, sondern wir haben auch ein interkulturelles Training bekommen. Da lernten wir beispielsweise, die Körpersprache und Verhaltensweisen der Amerikaner zu deuten“, schildert der Bäcker. „Und zusätzlich bekam man noch zwei oder drei Mails die Woche. Wir wurden wirklich zugeschüttet mit Informationen“, lacht er. Von Frankfurt flog er anschließend zunächst zur Ostküstenmetropole New York. Dort fand gleich das nächste, dreitägige Seminar statt. „Doch das war schon hilfreich, es ist ja ein Kulturaustausch gewesen. Die Amerikaner sind ganz anders, sehr freundlich, aber zum Beispiel nicht so direkt. Und daran musste ich mich erst einmal gewöhnen.“

Danach folgte die bereits sehnlichst erwartete „Home- State-Tour“. Einen Monat lang konnten die Stipendiaten reisen und fanden bei unterschiedlichen Gastgebern Unterschlupf. So machte sich Johannes mit zwei anderen Deutschen, die ebenfalls an dem Programm teilnahmen, auf nach Chicago und zu den Südstaaten-Städten Atlanta, St. Louis und Memphis. „Es ging von Gastfamilie zu Gastfamilie. Wir lernten viele unterschiedliche Menschen kennen. Einmal wohnten wir sogar bei einer älteren Dame, die ganz viel mit uns unternommen hat“, berichtet er. Schließlich kam er nach Sioux City im Bundesstaat Iowa. Die Stadt, in der er den Großteil seines USA-Aufenthalts verbringen würde. „Eine sehr verlassene Gegend mit einer großen mexikanischen Bevölkerung“, beschreibt er die immerhin viertgrößte Stadt des im mittleren Westen gelegenen Bundesstaates.

College

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Im Restaurant arbeitete ich oft länger als ich musste,“ sagt Johannes. Durchhaltevermögen sei auch in der Backstube gefragt.“

Das Western Iowa Tech Community College, an dem er lernen durfte, verfügt über ein Küchen- und Kulinarik-Programm; Johannes wurde mit allerlei Unbekanntem konfrontiert. „Die amerikanischen Maßeinheiten sind zum Beispiel ganz anders. Aber da ich ständig abwiegen musste, habe ich mich irgendwann daran gewöhnt.“ Vor allem Kochkenntnisse eignete er sich in dem Jahr an. „Über Soßen und das Grillen lernte ich einiges. Generell habe ich viele neue Ideen gewonnen. Und natürlich konnte ich auch mein Englisch trainieren.“ Untergekommen ist er im Wohnheim am College. Hier teilte er sich ein Zimmer mit den beiden deutschen Stipendiaten, mit denen er zuvor schon auf der „Home-State-Tour“ unterwegs war – ein Elektroniker und ein Windkraftmechatroniker. „Wir haben uns super verstanden.“

Der Aufenthalt der Teilnehmer wurde zweiteilig organisiert. Erst galt es, ein halbes Jahr lang am College die Schulbank zu drücken, danach konnte man bei einem Job sein eigenes Geld verdienen. Johannes machte dies hingegen parallel: „Drei Tage die Woche war ich am College, an den anderen Tagen habe ich in unterschiedlichen Schichten in einem mediterranen Restaurant gearbeitet. Das lag mitten in einer Kneipenstraße in Sioux City.“ Alle zwei Wochen erhielt er so, je nach Arbeitsumfang, zwischen 600 und 800 Dollar. Und die waren auch dringend nötig, wie Johannes betont. „Ich habe manchmal rund 130 Dollar in einer Woche ausgegeben. Wenn man das in Euro umrechnet, gibt es da kaum einen Unterschied. Lebensmittel kosten in den Staaten sehr viel. Gerade Obst und Gemüse sind sehr teuer, aber auch Fleisch und Wurst.“ Da habe es den jungen Bäcker nicht überrascht, dass einige Amerikaner zahlreich günstiges und qualitativ minderwertiges
Fast Food konsumieren. In dem Lokal fiel den amerikanischen Kollegen gleich der große  Fleiß des neuen Mitarbeiters aus Deutschland auf: „Die waren teilweise von meiner Motivation sehr überrascht.“ Er habe in Amerika oft die Erfahrung gemacht, „dass manche arbeiten, weil sie es wollten, und andere, weil es Geld bringt.“

Umso stolzer sei er auf die Ergebnisse seiner Mühe gewesen. „Ich habe mich praktisch hochgearbeitet. Anfangs habe ich nur Salate gemacht, später dann Nudeln“, erzählt Johannes schmunzelnd. Auch eine Konditorin gab es in dem Betrieb. Er selbst war der einzige Bäcker im Austauschprogramm. „So wie in Deutschland ist das mit dem Brot da natürlich nicht. Es gibt hauptsächlich Toast und Baguette, aber ohne Kruste. Irgendwie war das Brot dann immer ganz weich“, schildert er seine kulinarische Erfahrung. Natürlich führte der interkulturelle Austausch auch dazu, dass die neuen Bekannten alles über Johannes‘ Tätigkeitsfelder in der Heimat wissen wollten. Vieles habe er ihnen über seine Arbeit in der Backstube erklärt. „Doch ich glaube, die konnten sich trotzdem nicht viel darunter vorstellen. Einige Amerikaner, die ich traf, wussten generell nicht viel über Europa oder hatten eine falsche Vorstellung von Deutschland. Aber so hat man sich dann umso mehr zu erzählen.“ An Weihnachten musste er arbeiten. „Doch dafür habe ich Thanksgiving gefeiert.“ Seine amerikanischen College- Freunde luden ihn zu Feten bei ihren Familien ein. „Einfach so, das war toll. Es gibt dann ein riesiges Buffet, Massen an Essen, und alle stopfen sich voll“, erinnert er sich amüsiert. Dass er als Fremder an einem der wichtigsten nordamerikanischen Familienfeste teilnehmen durfte, habe ihn sehr gerührt: „Ich habe nur Offenheit und Herzlichkeit erlebt.“ Sehnsucht nach der eigenen Familie, mit der Johannes einmal die Woche telefonierte, habe ihn nicht allzu stark geplagt. Mit einer Außnahme: „In der Ferienzeit am College war es komisch. Meine Freunde waren alle weg, der Campus war total verlassen. Da stellte sich dann schon leichtes Heimweh ein.“

Grand Canyon

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Johannes bei seiner gewohnten Tätigkeit: Kochen bereite ihm zwar Spaß, aber als Bäcker fühle er sich wohler. „Diese Arbeit hat mir gefehlt.“

Vor der Rückkehr nach Deutschland stand am Ende noch ein Abenteuer auf Johannes‘ ganz eigenem Programm: Mit seinen beiden deutschen Freunden trat er eine letzte Rundreise an. Mit Schlafsäcken, Gaskocher und Kühlbox ausgestattet, zelteten sie unter anderem in Nationalparks und fuhren die malerische Westküste entlang. „Einmal haben wir sogar am Grand Canyon übernachtet. Nachts hörten wir dann Wölfe heulen, und als wir morgens ins Freie gingen, sahen wir überall Pfotenspuren um unser Zelt.“ Nach einem Abschlussseminar in Washington folgte die Rückreise nach Deutschland. Zu einigen seiner neugewonnenen Bekannten hält er Kontakt. Sowohl zu anderen Teilnehmern des Programms, als auch zu Einheimischen, die er in den USA kennengelernt hat. „Mit vielen verstehe ich mich immer noch sehr gut. Wir haben all diese Erfahrungen zusammen gemacht, das verbindet.“ Erst kürzlich hatte ihn sogar einer seiner beiden deutschen Zimmergenossen in Limburg besucht.

Rückkehr

Das Jahr in den Vereinigten Staaten sei etwas ganz Besonderes für ihn gewesen, versichert Johannes noch immer begeistert. Doch so sehr ihm die Küchenarbeit dort Spaß gemacht habe, so groß war auch die Freude nach seiner Rückkehr. „Ich war froh, wieder in der Backstube zu stehen. Das hatte ich am allermeisten vermisst.“ Begeistert waren auch seine Kollegen bei Huth: „Die hatten schon befürchtet, dass ich nach der tollen Reise gar nicht mehr zurückkomme“, scherzt er. Dabei sei diese Sorge völlig unbegründet: „Ich liebe den Job!“ Mit dem Reisen soll nun auf keinen Fall Schluss sein – ganz im Gegenteil. Johannes ist jetzt erst so richtig auf den Geschmack gekommen. Australien, Südafrika und die Karibik sind noch Traumziele von ihm. „Früher hatte ich mir das gar nicht zugetraut. Aber jetzt will ich auf jeden Fall noch mehr sehen.“ Und dann mit vielen Eindrücken im Gepäck in die Meisterbackstube am Schlag zurückkehren.

Quelle: Zeit für Brot Ausgabe 9 von Andra de Wit.

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